Hometop

Leseprobe


Der Lesetipp: Vor dem Tor des Erwachens

Man hatte ihm bestätigt, unten in der Oststadt habe früher wirklich ein Tor dieses Namens existiert, und der Ort, an dem es gestanden habe, heiße heute noch so.

Jemand erbot sich, ihn dorthin zu führen.

Er hatte eingewilligt, war diesem auch hinunter gefolgt, bis vor eine Wand aneinandergereihter und hoch aufgetürmter Plasmabildschirme. „Wir sind da!“ hatte der Führer behauptet, sich bezahlen lassen.

Er hatte ihm nachgeschaut, als dieser wieder die Treppen hinauf in die Hochstadt zurückeilte.

Allein stand er jetzt vor einer himmelblauen Leuchtwand, sah leuchtend weiß unaufhörlich Schriftzeilen darüber hin fliessen, zu schnell für seine alten Augen...


Er konnte sie auch dann nicht lesen, wenn er den Kopf drehend mit ihnen Schritt zu halten versuchte. Es sah aus, als würden sie fliehen vor den neuen Nachrichten, die ihnen auf den Fersen waren.

Einzelne Worte sprangen ihm ins Auge – zu wenige um ein verstehbares Ganzes zu ergeben. Namen von Brennpunkten, Bagdad, Gaza, aber auch Amnesty international.

Bald gab er sein Bemühen, darin einen Sinn zu finden auf und ließ alle Nachrichten wie windgetriebene Wolkenschäfchen an sich vorüberziehen.

Schon entschlossen, diesen Ort zu verlassen und zurück in die Stadt hinaufzusteigen, fesselte ein schwarzes Leck seine Aufmerksamkeit. Regelmäßig zerriss an einer Stelle das Schriftband und die einlaufenden Worte wurden wie von einer Fallgrube verschluckt.

Der Defekt weitete sich nach allen Richtungen aus bis er als Quadrat mit der Seitenlänge eines Katzenschwanzes sein kritisches Maß erreichte.

In diesem lichtlosen Feld zuckten zuweilen kurzschlusshafte Blitze auf, begleitet von einem trockenen Knacken.

Winzige helle Pixel blieben zurück wie Sterne in der Nacht. Mit dem Wohlgefallen Abrahams betrachtete er diese Erscheinung; seine nach einiger Zeit ans Dunkel gewohnte Augen unterschieden weitere, anders getönte Blitzgeburten.

Ihr zuerst unvorhersehbares Erscheinen wich nach und nach einer regelhaften Anordnung. Sie verdichteten sich zu einem Bild um eine senkrechte Mittelachse – eine Pyramide aus hellem, weichen Tuch setzte sich faltenreich ins Zentrum. Ein Knick eines von rechts nach links übergeworfenen Endes bildete die Spitze.

Hier standen die Ränder einen Spalt offen.

Bei dem Versuch einen diskreten Einblick ins Innere der Hülle zu erhaschen, war ihm sein eigenes gespiegeltes Brillenträgergesicht im Weg. Er sah sich selbst mit einer Kapuze vor der Wand stehen.

Eine aufspringende Tuchfalte zum Tor des Erwachens zu erheben – kann ihm nur hier im Vorderen Orient passieren. Übertreiben gehört hier bekanntlich zum Geschäft.

Auflachend, veränderte er seine Position vor der unstabilen Erscheinung und gewahrte –leicht versetzt zu seinem – ein zweites Augenpaar, das ein dunkleres Gesicht bewohnte und ihm leuchtender entgegenblickte. Sein Lachen brach er ab.

Er schaute sich unsicher um, ob jemand hinter ihm stehe. Da war niemand.

Das Gesicht aus der Pyramide schien dagegen immer lebendiger und mit den Augen seinen Blick zu suchen. Und so Auge in Auge mit dem Gesicht aus dem Dunkel geschah im Bruchteil einer Sekunde, das die Lider des Gegenüber sich senkten und wieder hoben.

Ihn erschreckte, dass er sich nicht erklären konnte, wie ein lebendiger Mensch sich dort aufhalten konnte.

Trotz nächster Nähe war miteinander zu reden unmöglich. Wie absurd!

Jeder ein Gefangener seines Standortes.


Als er einen Schritt zurücktrat, fiel ihm auf, das inzwischen das Quadrat zu einem Rechteck umgebildet worden war. Da ist ein ferner Programmierer beschäftigt, den Makel zu tilgen, das Leck zu reparieren – ohne mich zu fragen. Was denkt der sich? Macht mir den Himmel vor der Nase zu! empörte sich der Besucher.

Hilflos musste er zusehen, wie das triumphierende Blau jetzt von allen Rändern her die Fehlstelle überdeckte.

Ihn überkam die Lust, diesen Scheinhimmel umzustoßen und hörte in seiner Fantasie schon als Begleitmusik das Glas wolkenbruchartig niederprasseln. Zugleich sah er ein, ohne den auf der anderen Seite zu gefährden ist das nicht zu machen.

Fragend schaute er durch die Glasscheibe nach diesem, sah ihn beide Hände erheben, wobei das Tuch in die Armbeugen hinunter glitt und sich dort staute.

Die Finger streckte er zum Glas bis er es mit jeder Fingerkuppe berührte; beugte sich dann vor und lehnte auch mit der Stirn dagegen.

Sein Gegenüber fühlte sich aufgefordert, das Gleiche zu tun und setzte wie im Spiel mit einem Kind seine Finger dort auf, wo er das Glas innen vom Anderen berührt sah; trat näher heran und drückte seine Stirn gegen die des Anderen. Sein Atem trübte das Glas.

Dann schloss er die Augen.
Als er sie wieder öffnete, tat er das um zu sehen, ob seine Empfindung ihn trüge.
Er meinte, die Stirn und die Finger des Anderen unmittelbar berührt zu haben und nichts dazwischen.
Und sah sich nicht betrogen.
Der Andere und er sind einer geworden, die Mauer verschwunden.
Hinter sich hörte er eine Stimme aus einem offenen Fenster über die Straße rufen:
Er ist jetzt aufgewacht!
Jemand im Inneren der Wohnung.
Trotzdem ...

© Friedo Dürr 2010

Hier finden Sie ein endloses Haiku, verfasst vom Schriftsteller Franz Dodel, der es laufend weiterschreibt. Schauen sie mal hinein!

Logo Lauschen


Reformierte Kirche Belp-Belpberg-Toffen, Altes Pfarrhaus, Dorfstrasse 34, 3123 Belp Tel: 031 819 43 31, Fax 031 819 43 43   Öffnungszeiten kostenlose counter

Valid XHTML 1.0! Valid CSS!     ©   Homepage: Roman Koch Belp und Reformierte Kirche Belp-Belpberg-Toffen